Wut: Plädoyer für ein verpöntes Gefühl

Konfliktbearbeitung fällt dann leichter – und ist auch erfolgreicher – wenn wir mit einem ressourcenorientierten Konfliktverständnis arbeiten. Ab wann und wie lange sollte überhaupt von einem Konflikt gesprochen werden? Wir möchten Konflikte einerseits von Aufgaben und Problemen und andererseits von Katastrophen abgrenzen und empfehlen sehr, den Konfliktbegriff eng zu fassen. Mit dem Modell „Niveaus von Handlungsfähigkeit“ kann die Wahrnehmung der Realität durch die Beteiligten selbst diagnostiziert werden. Es ist aber auch die begriffliche Grundlage für die Verständigung auf eine gemeinsame Wirklichkeit zwischen den Konfliktbeteiligten. Wir arbeiten mit einem positiven Konfliktbegriff, der den Blick auf die Ressourcen der Beteiligten lenkt und neben den Risiken die Chancen von Konflikten betont. Gerade Gruppen und Teams erleben diese Art der Selbstevaluation und die Orientierung an der eigenen Handlungsfähigkeit als stärkend und förderlich für die Wahrnehmung der eigenen Verantwortung.Darf Wut sein? Ja, sie soll sogar! In unserer Gesellschaft ist Wut, diese heftige Gefühlsregung, geächtet und negativ bewertet. Sehr zum Schaden für ein gelingendes Zusammenleben. Denn wer dieses Gefühl immer im Zaum hält, schafft sich andere Ventile: Zynismus, der beleidigt und entwertet; psychosomatische Erkrankungen; chronisches Gekränktsein; oder der lange zurückgehaltene Wutstau entlädt sich in einem fatalen Affektdelikt. Heidi Kastner weiß als Gerichtspsychiaterin nur zu genau, wohin Wut führen kann, wenn sie nicht ins Alltagsleben integriert ist. Anhand von Fallbeispielen und Rückgriffen auf Psychologie und Geschichte zeigt sie, wie sich die Spielregeln im Umgang mit Wut im Lauf der Zeit geändert haben und in welch engem Korsett der Gefühlsäußerungen wir heute leben. Das Buch ist ein Plädoyer für die Geradlinigkeit des Ausdrucks und die Anerkennung der eigenen Emotionen – der „guten“ wie der „bösen“. Denn, so schrieb schon der französische Philosoph Montaigne: „Alle offen zutage tretenden Laster sind weniger schlimm; am gefährlichsten werden sie, wenn sie sich unter dem Mantel seelischer Gesundheit verstecken.“


 

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Heidi Kastner wurde in Linz, Oberösterreich, geboren, studierte Medizin und promovierte 1986 an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien. Nach Abschluss ihrer Facharztausbildung in Psychiatrie und Neurologie 1998 nahm sie eine Tätigkeit im psychiatrischen Konsiliardienst der Justizanstalt Garsten, später dann an den Justizanstalten Linz und Steyr auf.  Die ausgebildete Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie ist heute Chefärztin der forensischen Abteilung der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg. Als anerkannte Expertin im Bereich der Forensischen Psychiatrie war sie unter anderem als Gerichtsgutachterin im Fall Fritzl und der Causa Kremsmünster tätig. Darüber hinaus ist Heidi Kastner auch Buchautorin. Zuletzt erschien Ihr Buch: Wut: Plädoyer für ein verpöntes Gefühl.